Die überraschende Macht kleiner Gewohnheiten – Teil 1

Traditionell wird der zweite Freitag im Januar als «Quitter’s Day» bezeichnet. In diesem Jahr war es Freitag, der 9. Januar. Statistiken zeigen, dass an diesem Tag die meisten Menschen ihre Neujahrsvorsätze über Bord werfen.

Egal, ob der Vorsatz am Neujahr oder an irgendeinem anderen Tag im Jahr gefasst wird, wir beginnen mit der Umsetzung meist motiviert. Doch nach wenigen Tagen macht uns der Alltag einen Strich durch die Rechnung: Unser Job verlangt mehr als wir gedacht haben, die Familie ruft nach ihrem Recht auf Gemeinsamkeit, unvorhersehbare Ereignisse treffen ein, und schon kommt die erste Ausrede – «keine Zeit». Wir schieben unser Vorhaben vor uns her oder brechen es ganz ab. Das sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn jede «Niederlage», die wir akzeptieren, prägt unsere Identität.

Warum wir ungesundes Verhalten zu spät ernst nehmen
Viele von uns haben gelernt zu glauben, dass Erfolg nur durch übermässige Anstrengung erreichbar sei. Also setzen wir uns unter Druck und erwarten bahnbrechende Veränderungen in unserem Leben, während wir den Wert kleiner Fortschritte übersehen. Die Wirkung kleiner Gewohnheiten entwickelt sich erst im Laufe der Zeit. Der Wert gesunder Angewohnheiten, aber auch der Preis, den wir für ungesunde Verhaltensweisen zahlen müssen, wird erst sichtbar, wenn wir über mehrere Jahre zurückblicken.

«Gewohnheiten – seien sie ­gesund oder ungesund – scheinen oft ­keine grosse Wirkung zu ­haben, in der Summe ergeben sich aber im positiven wie im ­negativen Sinn erhebliche Konsequenzen.»

Wenn wir ab sofort jeden Morgen ein Glas Wasser trinken, werden wir nach einer Woche noch nicht gesünder sein. Wenn wir dreimal zum Fitnesstraining gegangen sind, sind wir noch nicht in Form. Wir verändern zwar unser Verhalten ein wenig, aber die Ergebnisse lassen auf sich warten – und schon fallen wir wieder in alte Muster zurück. Da sich spürbare Folgen erst allmählich zeigen, nehmen wir ungesunde Verhaltensweisen nicht so ernst. Konsumieren wir heute Abend Fast Food, spüren wir das morgen kaum. Wer eine Nacht schlecht schläft, kann am nächsten Tag trotzdem eine gewisse Leistung bringen. Ein einzelnes ungünstiges Verhalten gilt oft als unwichtig. Entwickelt sich daraus aber eine Gewohnheit, treten früher oder später gesundheitliche Probleme auf.

Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern das System
Wer 10 Kilogramm abnehmen möchte, hat ein Ziel, doch ein Ziel gibt nur die Richtung vor, es hat keinen Einfluss auf das Ergebnis. Die konkreten Massnahmen, die zur Gewichtsreduktion führen, entfalten eine umso grössere Wirkung. Die vielen kleinen Gewohnheiten bilden ein übergeordnetes System. Deshalb sollten wir den Fokus nicht auf das Ziel, sondern auf das System unserer Gewohnheiten konzentrieren. Diese Struktur spielt eine entscheidende Rolle.

Die täglichen Gewohnheiten prägen unsere Identität
Unsere Angewohnheiten prägen uns, und diese wiederum resultieren aus unseren Überzeugungen. Wenn wir uns also mehr bewegen wollen, uns aber ­Bequemlichkeit wichtiger ist, werden wir das Entspannen dem Trainieren vorziehen. Gewohnheiten lassen sich schwer ändern, wenn die grundlegenden Über­zeugungen gleichbleiben. Hören wir unserem inneren Dialog genau zu. Es ist ein riesiger Unterschied, ob wir sagen «ich versuche mich mehr zu bewegen» oder «ich bin ein Bewegungsmensch».

Achten wir deshalb auf unsere innere Argumen­tation. Das Ziel besteht nicht darin, etwas für unsere ­Gesundheit zu tun, sondern eine «gesundheitsorien­tierte Person» zu werden.

Unser Handeln durch unsere Identität bestimmt. Deshalb ist der Konflikt mit der eigenen Identität das grösste Hindernis, wenn es um Verhaltensänderung geht. «Ich bin kein sportlicher Mensch», «ich habe keine Ausdauer», «ich kann Schokolade einfach nicht widerstehen» – mit diesen Überzeugungen sind wir nicht geboren worden, wir haben sie erlernt, und je häufiger wir ein ­bestimmtes Verhalten wiederholen – sei es positiv oder negativ – ­desto mehr stärken wir unsere mit diesem ­Verhalten verbundene Identität.

Fragen wir uns deshalb in jeder Situa­tion: «Was würde eine gesundheitsorientierte Person tun? Würde sie die Treppe nehmen, oder den Lift? Würde sie Hamburger mit Pommes bestellen oder einen Salat? Würde sie auf dem Sofa herumsitzen oder ins Training gehen?»

«Gewohnheiten sind Verhaltensmuster, die durch häufiges Wiederholen automatisiert -wurden und wenig bis keine Anstrengung erfordern. Dazu braucht es die «Gewohnheitsschleife», bestehend aus einem Auslöser (beispielsweise Rückenschmerzen) – einer Routine (dem Krafttraining) – und einer Belohnung (es geht anschliessend besser).»

Bis zum Erscheinen der nächsten Aus­gabe von «GESUND UND FIT» empfehle ich ­Ihnen zwei Aufgaben zur schriftlichen Selbst­reflexion:

 1. Befassen Sie sich mehr mit Ihrem «Gewohnheitssystem» als mit Ihren ­Zielen! Welche Gewohnheiten sind ­förderlich, welche nicht?

 2. Hören Sie auf Ihren inneren ­Dialog! ­Welche Einstellungen zum gesunden ­Lebensstil ­stehen Ihnen im Weg?  

Im 2. Teil dieses Artikels werden wir herausarbeiten, warum Motivation überbewertet wird und wie wir in einfachen Schritten positive Gewohnheiten aufbauen können.