Training ohne Grenzen – Inklusion im Fitnesscenter Teil 2
Chiara Huber (25) lebt mit infantiler Zerebralparese1 und trainiert dreimal pro Woche im «Bellvida» in Suhr. Inklusion bedeutet für sie, auf Augenhöhe ernst genommen zu werden, Lösungen zu finden und in Kraft, Haltung und Beweglichkeit zu investieren.

«Ich wünsche mir, dass man mir auf Augenhöhe begegnet. Wir alle tragen unseren Rucksack. Umso wichtiger ist es, einander mit Verständnis zu begegnen und sich gegenseitig zu unterstützen.»
Wenn Chiara das «Bellvida» in Suhr betritt, wirkt das nicht wie ein besonderer Moment. Es ist eher ein ruhiges, vertrautes Ankommen. «Ich plane meine drei Trainingstage am Sonntag», sagt sie. Dann ist es entschieden. Nicht, dass es immer leicht wäre, aber sie hat gelernt, Prioritäten zu setzen. Gesundheit kommt zuerst.
Chiara lebt mit ihrem Verlobten in Suhr und arbeitet als Bereichsleiterin Einwohnerdienste in einer Gemeinde im Aargau. Die Familie ist ihr Rückhalt. Und Begegnungen mit anderen Menschen? Da wünscht sie sich vor allem eines – «Kontakt auf Augenhöhe». Jeder trage seinen eigenen Rucksack, findet sie. Man müsse nicht alles verstehen, aber man könne respektvoll sein.
Ihre infantile Zerebralparese geht auf eine starke Hirnblutung bei der Geburt zurück. Die rechte Körperseite ist schwächer, die Feinmotorik auf dieser Seite stark eingeschränkt. Lange Zeit ging vieles nur mit Hilfsmitteln. In der dritten Klasse kam ein Wendepunkt – eine grosse Operation mit sechs Stunden Vollnarkose, danach drei Monate Rollstuhl. «Ich musste das Gehen neu lernen», erzählt sie. Heute läuft sie ohne Schiene. Für sie ist das keine Heldengeschichte, sondern eine Tatsache. Und es erinnert sie daran, dass Fortschritt manchmal langsam ist und trotzdem zählt.
Dazu kommt ein Shunt, den sie als «Strohhalm» beschreibt: Er leitet Gehirnflüssigkeit vom Kopf in den Bauch, um den Hirndruck zu regulieren und einen erhöhten Druck zu verhindern. Solange er zuverlässig funktioniert, spürt sie kaum Einschränkungen. Am Flughafen meidet sie Magnetfelder, auch sonst muss sie auf Details im Alltag achten, die andere nie auf dem Radar haben.

Schon als Kind zeigte Chiara viel Stärke.
Im Training setzt Chiara auf geführte Geräte. Freie Hanteln funktionieren wegen der rechten Hand nicht, sie findet andere Wege. «Ich teste es aus», sagt sie, und wenn etwas nicht passt, wird es angepasst. Dabei wird sie im «Bellvida» von Daniel Seiler unterstützt. Er begrüsst sie persönlich, fragt nach, ob er helfen kann. Alle drei Monate wird der Plan überprüft und feinjustiert. Das ist für Chiara gelebte Inklusion – keine Sonderbehandlung, sondern ernst genommen werden mit Blick auf das, was möglich ist.
Was bringt ihr das Training im Alltag? Mehr Kraft, bessere Haltung, mehr Beweglichkeit. Die Spastik verschwindet nicht, aber Chiara sagt, sie habe gelernt, ihr Handicap anzunehmen und aktiv damit umzugehen. Das Fitnesscenter ist für sie auch ein Ort zum Durchatmen. «Me-Time» nennt sie es, Kopf lüften, abschalten, wieder bei sich ankommen. Am Schluss bleibt eine Aussage, die zu ihr passt, weil sie weder laut noch bitter ist: «Mach einfach dein Ding. Irgendjemand findet es sowieso doof. Be happy.»
1 Nicht-fortschreitende Bewegungsstörung, die durch eine frühkindliche Hirnschädigung entsteht. Sie beeinträchtigt Motorik, Muskeltonus (oft Spastik) und Haltung und ist oft begleitet von Schmerzen, Epilepsie oder Sprachproblemen.
















